König
Laurin und sein Rosengarten
Hoch
oben in den grauen Felsen des Rosengartens, dort, wo sich heute
nur mehr eine öde Geröllhalde, das "Gartl",
ausbreitet, lag einst König Laurins Rosengarten.
König
Laurin war der Herrscher über ein zahlreiches Zwergenvolk,
das dort in den Bergen nach edlem Gestein und wertvollen Erzen suchte,
und besaß einen unterirdischen Palast aus funkelndem Bergkristall.
Seine besondere Freude und sein Stolz aber war der große Garten
vor dem Eingang zu seiner unterirdischen Kristallburg, in dem unzählige
edle Rosen blühten und dufteten. Wehe aber dem, der es gewagt
hätte, auch nur eine dieser Rosen zu pflücken: ihm hätte
Laurin die linke Hand und den rechten Fuß genommen! Dieselbe
Strafe wäre auch dem widerfahren, der den Seidenfaden zerrissen
hätte, der den ganzen Rosengarten anstatt eines Zaunes umspannte.
Im Kampfe
vermochte es der Zwergenkönig mit jedermann, auch dem stärksten
Recken, aufzunehmen. Denn er besaß nicht nur einen Zaubergürtel,
der ihm die Kraft und Stärke von zwölf Männern verlieh,
sondern auch eine geheimnisvolle Tarnkappe, die ihn unsichtbar machte,
wenn er sie aufsetzte.
So herrlich
nun Garten und Palast des Zwergenkönigs auch gewesen sind,
so fehlte ihm doch eines: eine Braut. Und als er darum hörte,
daß der König an der Etsch gedenke, seine schöne
Tochter Similde zu verheiraten, und eine Maifahrt ausrufen ließ,
zu der sich alle Freier einfinden sollten, da freute sich Laurin
und beschloß, die Einladung des Königs an der Etsch anzunehmen
und auch um Similde zu werben.
Doch
Tag um Tag verstrich, ohne daß ein Bote des Königs an
der Etsch zu Laurin kam, um auch ihm die Einladung zu der großen
Maifahrt zu überbringen. Das verdroß den Zwergenkönig,
und so beschloß er denn, an dieser Maifahrt nur im geheimen
teilzunehmen - indem er sich nämlich durch seine Tarnkappe
unsichtbar machte.
Auf
einem großen Rasenplatz vor dem Schloß des Königs
an der Etsch fanden die Kampfspiele statt, an denen sich die Freier
um Similde zu beteiligen hatten. Wer sich in diesen Wettspielen
am meisten im Fechten und Reiten bewährt haben würde und
also zuletzt als Sieger hervorging, dem wollte der König an
der Etsch Similde als Maibraut anvermählen.
Sieben
Tage lang dauerten die Kampfspiele, dann waren endlich die beiden
Recken ermittelt, die in einem abschließenden und alles entscheidenden
Wettspiel um die Hand der schönen Similde kämpfen sollten.
Es waren dies Hartwig, der in seinem Schilde eine Lilie führte,
und Wittich, der eine Schlange als Erkennungszeichen hatte.
Lange
wogte der Kampf zwischen den beiden tapferen Recken hin und her,
und es nahte schon der Sonnenuntergang, wo der Wettkampf beendet
werden sollte. Doch ehe der König das Zeichen zum Aufhören
geben und einen der beiden Recken zum Sieger erklären konnte,
entstand auf einmal Lärm, und Stimmen schrien durcheinander:
Similde ist verschwunden! Similde ist geraubt worden!
Aber
als das Verschwinden der Königstochter bemerkt wurde, ritt
Laurin mit Similde schon davon und konnte nicht mehr aufgehalten
werden, zumal er seine Tarnkappe aufhatte und darum nicht nur er
selbst, sondern auch sein Pferd und die geraubte Königstochter
unsichtbar waren!
Laurin
hatte im geheimen den Kampfspielen beigewohnt, und das holde Wesen
der schönen Königstochter und ihr liebliches Antlitz hatten
ihn je länger, desto mehr so gefangen, daß er endlich
beschloß, den Ausgang des Kampfes nicht abzuwarten, wo Similde
dem einen von beiden anvermählt würde, sondern die schöne
Braut zu rauben und sie in sein Felsenreich zu entführen.
Hartwig
und Wittich aber beschlossen, diese Schmach nicht hinzunehmen und
dem Zwergenkönig Laurin - denn nur dieser konnte Similde geraubt
haben, das wußte man sogleich - die entführte Königstochter
wieder abzunehmen.
Doch
sie wußten wohl, daß dies ein schweres Unterfangen sein
werde, besaß ja Laurin einen Zwölfmännergürtel
und eine Tarn- oder Nebelkappe und überdies viele tausend Zwerge,
die gewiß für ihren König zu kämpfen bereit
waren.
Und
so wandten sie sich an den großen und berühmten Fürsten
Dietrich von Bern und baten ihn um seine Hilfe. Dieser sagte zu,
wie wohl sein alter Waffenmeister Hildebrand ihn warnte und auf
die geheimnisvollen Kräfte des Zwergenkönigs hinwies.
So machten
sie sich denn auf die Reise nach der Felsenburg des Zwergenfürsten:
Dietrich von Bern, Hildebrand, Hartwig und Wittich, Wolfhart und
noch andere tapfere Recken.
Als
sie endlich vor dem herrlichen Rosengarten des Königs Laurin
ankamen und die Fülle dieser Blütenpracht gewahrten, da
staunten Dietrich und seine Gefährten - und sie beschlossen,
den zarten Seidenfaden nicht zu zerreißen und den König
herbeizurufen, um mit ihm gütlich zu unterhandeln, daß
er ihnen Similde herausgeben solle, die er geraubt hatte.
Doch
Wittich, der Ritter mit der Schlange im Schilde, sprang, von Ungeduld
gepackt, vorwärts, zerriß den Seidenfaden und zertrat
die nächsten Rosen.
Da ritt
schon König Laurin auf seinem Schimmelpferdchen daher, eine
kleine goldene Krone auf dem Haupte und ein glänzendes Schwert
in der Rechten, kam auf Wittich zu und forderte seine Hand und seinen
Fuß. Doch Wittich höhnte nur, als er den kleinen Reiter
sah, und sagte: "Komm nur her, Zwerglein, ich nehme dich gleich
bei den Füßen und werfe dich an die Felsenwand!"
Aber
ehe er sich's versah, hatte ihn Laurin, der den Zwölfmännergürtel
trug, überwältigt und wollte ihm also gleich Hand und
Fuß abhacken! Dies aber konnte Dietrich von Bern nicht zulassen
und eilte darum auf Laurin zu, um ihn an der Ausführung dieser
furchtbaren Strafe zu hindern.
Laurin
aber stieß Dietrich weg. So nahmen die beiden Könige
den Zweikampf auf - der kleine Fürst des Zwergenreiches und
der hünenhafte Recke aus Bern!
Mit
der ganzen Zwölfmännerkraft, die ihm sein Zaubergürtel
verlieh, hieb der Zwergenkönig auf den Berner ein und verwundete
ihn mehrmals. Dies reizte den starken Berner, und er begann auch
Laurin mit seinen Schwertstreichen nicht mehr zu schonen.
So kämpften
die beiden Könige eine Weile wacker miteinander, und die Begleiter
Dietrichs staunten über die Kraft und Behendigkeit des kleinen
Fürsten, der sich von Dietrich nicht überwinden lassen
wollte.
Da aber
setzte sich Laurin auf einmal die Tarnkappe auf und war nun unsichtbar
geworden! Damit war er im Vorteil: Er traf seinen Gegner mit jedem
Hiebe, Dietrich von Bern aber konnte nur mehr blindlings um sich
schlagen.
Da rief
Hildebrand, der alte Waffenmeister: "Zerreiß ihm den
Gürtel!" Dies aber war leichter gesagt als getan, denn
Dietrich konnte ja den Zwergenkönig nicht sehen und also ergreifen.
Da kam Hildebrand der rettende Gedanke: "Achte auf die Bewegungen
des Grases, dann wirst du sehen, wo der Zwerg steht!"
Als
Dietrich von Bern dies tat, konnte er sehen, wo Laurin gerade stand,
er eilte auf ihn zu, packte ihn um die Mitte und zerbrach ihm den
Gürtel. Dieser fiel zu Boden und Hildebrand nahm ihn an sich.
Nun
war der Kampf rasch entschieden, und die Zwerge begannen zu heulen,
als sie ihren König besiegt und in der Gewalt des Berners sahen,
der ihm auch die Tarnkappe und alle Waffen abnahm.
Ehe
aber Dietrich und seine Begleiter beschließen konnten, was
mit dem besiegten Zwergenkönig zu geschehen habe, da öffnete
sich im Felsen ein Tor, das vorher niemand bemerkt hatte, und Similde
trat heraus mit einer Schar von Dienerinnen. Sie dankte Dietrich
und den anderen Herren für ihre Befreiung, bemerkte aber auch
zugleich, daß Laurin sie immer gut behandelt und wie eine
Königin geehrt habe. Die Herren sollten ihm darum nicht gram
sein und ihn nicht weiter befehden, sondern mit ihm Frieden und
Freundschaft schließen.
Diese
Rede gefiel dem starken Dietrich, und er reichte Laurin die Hand
zum Frieden. Laurin nahm die Hand an und lud Dietrich und alle seine
Begleiter in sein unterirdisches Felsenschloß: "Ich will
euch meine Schätze zeigen und euch wohl bewirten."
Die
Recken nahmen die Einladung an und betraten den hohlen Berg. Wie
staunten sie, als sie die reichen Schätze des Zwergenfürsten
sahen! Endlich gelangten sie in einen großen Saal, wo sich
Laurin mit seinen Gästen an einer reich geschmückten Tafel
zum Mahle niederließ.
Da wurden
sie nun von den Zwergen aufs beste bewirtet und mit Gesang und Spiel
erfreut. Doch zu vorgerückter Stunde, als sie sich etwas Derartiges
nicht mehr erwarteten, wurden die Recken plötzlich von den
Zwergen überfallen, in Ketten gelegt und in ein festes Gewölbe
geschleppt und dort eingeschlossen.
Dieser
Verrat ergrimmte Dietrich und seine Begleiter, und sie schworen
dem hinterlistigen Zwergenkönig Rache. Der Zorn gab dem Berner
doppelte Kräfte, und so gelang es ihm endlich, die Ketten zu
zerreißen und sich und seine Gefährten zu befreien. Sie
zerbrachen die Türen ihres Gefängnisses, überwanden
die anstürmenden Zwerge und nahmen endlich auch den König
Laurin gefangen.
Hartwig,
der Ritter mit der Lilie, brachte Similde aus dem Berg, holte sein
Roß herbei, setzte die Königstochter zu sich in den Sattel
und ritt mit ihr heimzu, zur Burg ihres Vaters, des Königs
an der Etsch. Dieser freute sich über die Rückkehr seiner
entführten Tochter und ging den beiden, die da Hand in Hand
auf ihn zukamen, entgegen und vermählte sie.
Dietrich
und die anderen Recken aber ritten wieder nach Bern zurück.
Doch den heimtückischen Zwergenkönig, der sein Friedenswort
gebrochen hatte, nahmen sie mit, um ihn am Hof zu Bern gefangenzuhalten.
Er sollte
nie wieder seine Felsenburg sehen können. Als er, gekettet
und als Gefangener, sein Felsenreich verlassen mußte, da sprach
er: "Diese Rosen haben mich verraten; hätten die Recken
nicht die Rosen gesehen, so wären sie nie auf meinen Berg gekommen!"
Und er verfluchte den ganzen Rosengarten und die Rosen und sprach
einen Zauberbann über sie, daß sie fortan keiner mehr
sehen solle, weder bei Tag noch bei Nacht. Dann verließ Laurin
bitteren Herzens sein Felsenreich und zog mit den Recken nach Bern,
um dort sein Leben als Gefangener zu beschließen.
Doch
er hatte bei seinem Fluche die Dämmerung vergessen! Und so
kommt es, daß der verzauberte Rosengarten noch oft in der
Dämmerung seine Rosenpracht zeigt und daß der ganze Berg
über und über im Rosenschimmer erstrahlt und so die Erinnerung
wachhält, an den unglücklichen König Laurin und seinen
Rosengarten.
Quelle:
Bruno Mahlknecht, Südtiroler Sagen, Bozen 1981. S. 121. Frei
nach K. F. Wolff, König Laurin und sein Rosengarten, Bozen
1945 und Dolomiten-Sagen
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